(Deutsch) Bericht über unseren Lektürekurs zu Francisco de Vitoria

Der Blick auf die Problemstellung „Was ist potestas?“ wurde in unserem Lektürekurs durch die politikwissenschaftliche, die soziologische, die theologische, die philosophische, die juristische und durch die allgemeine Perspektive der Geschichtswissenschaft erhellt.

Es lässt sich verallgemeinernd sagen, dass mit der ‚Schule von Salamanca‘ die historische Analyse vor allem auch eine globale Perspektive berücksichtigen sollte, da durch die Entdeckung der neuen Welt Fragen auf den Tisch kamen, die das alte christliche Weltbild langsam aber sicher ins Wanken bringen sollten. Die globale Sicht spiegelte sich auch in der Herkunft der TeilnehmerInnen wider. Französische, schweizerische, russische und deutsche Sichtweisen brachten erfrischend neue Lesarten des Textes mit sich.

Die Konfrontation mit einer scheinbar völlig neuen Welt und die unterschiedlichen sich festsetzenden reformatorischen Strömungen führten dazu, dass sich die Menschen in der Zeit Vitorias einer hohen und scheinbar zunehmenden ‚Unsicherheit‘ stellen mussten. Diese ‚Unsicherheit‘ nagte an den Grundfesten der alten tradierten Ordnungsvorstellungen der Welt. Vielleicht kam es gerade deshalb nicht von Nirgendwo, dass der Begriff ‚Ontologie‘ ein Syllogismus des 17. Jahrhunderts werden sollte. Die erlebte ‚Unsicherheit‘ führte dazu, das ‚Sein‘, ja die Ordnungsstrukturen der Welt neu zu überdenken.

Historisch ausgerichtete Analysen werden immer aus der Gegenwart heraus gemacht. Gerade deshalb wurde in der Diskussion immer wieder darüber debattiert, wie man sich von heutigen Konzepten politischer und kirchlicher Macht in der Interpretation wenigstens ein Stück weit befreien kann und ob dies überhaupt möglich wäre.

Von Anfang an war absehbar, dass die Frage „Was ist potestas?“ nicht mit ein paar Zeilen beantwortet werden könnte. Einerseits sah man in der Lektüre, dass das Zeitliche und das Ewige in einem sich beständig gegenseitig konstituierenden Prozess zueinander standen, was Vitoria andererseits nicht davon abhielt, zu ergründen, wie man trotz dieser engen Verflechtung beider Sphären, die Frage nach der ‚potestas‘ in spezifische Weise an unterschiedliche Perspektiven rückführen könnte.

In der Abschlussdiskussion wurde davor gewarnt, Autoren wie Francisco de Vitoria vorschnell als Modernisierer zu deklarieren. Auch wurde quellenkritisch betont, dass die enge Verflechtung von weltlicher und geistlicher Macht nicht ausschließlich mit dem Text eines so hochgelehrten Mannes wie Vitoria beantwortet werden könne. Die Lebenszeit Vitorias stand im Zeichen einer Medienrevolution, die tiefgreifende gesellschaftliche Veränderungen mit sich brachte. Gerade deshalb müsste man bei einer umfassenderen Antwort auch Texte aus anderen sozialen Sphären beachten. Heute twittern Politiker, damals wurde Politik mit Flugschriften gemacht.

Die TeilnehmerInnen gingen mit mehr Fragen als Antworten nach Hause und das im positiven Sinne. Denn so ist das Ziel einer solchen Veranstaltung schließlich nicht, die eine Antwort zu finden, sondern an den eigenen alten Sichtweisen zu rütteln.

[ssba]

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